Vorher/Nachher: Alumni der ersten Generation

AXEL FLINTH

Axel Flinth als Schüler (Danke an Linnéa Garbring-Wicks) © privat

Der junge Mann auf dem Foto bin ich. Er freut sich riesig, denn er hat gerade das Gymnasium erfolgreich absolviert und ist, wie man es in Schweden so macht, schreiend und tanzend aus dem Schulgebäude herausgerannt. Das ist auch der Grund, wieso er den merkwürdigen Hut trägt – die „Studentmössa“ ist in Schweden Tradition.

 

Ich habe 2010 meinen Abschluss von Hvitfeldtska Gymnaset in Göteborg gemacht. Bei Hvitfeldtska haben die Schüler, die sich im Bereich Naturwissenschaft spezialisieren, die Möglichkeit, sich in verschiedenen Richtungen weiter zu vertiefen. Ich habe die Mathematikspezialisierung gewählt, denn Mathe hatte ich seit der ersten Klasse geliebt. Die Mathespezialisten wurden in den verschiedenen Klassen verteilt (27 Mathe-nerds in einer Klasse war wohl zu viel des Guten), und  da ich Deutsch als zweite Fremdsprache angegeben hatte, wurde ich der Klasse der Deutschspezialisten, der „deutsche Sektion“ zugeteilt. Ich wurde schon früh gefragt, ob ich mich nicht auch in der deutschen Sprache spezialisieren wollte. Nach etwa einem halben Jahr zögern habe ich mich trotz der Gefahr, dass die Doppelspezialisierung mich zu sehr belasten sollte, mich überreden lassen. Diese Entscheidung habe ich nie bereut.

 

In der deutschen Sektion haben wir viele für mich sehr lustige Sachen gemacht. Wir haben deutsche Literatur gelesen und analysiert, wir haben Politik auf Deutsch diskutiert, wir haben kleine Filme auf Deutsch gedreht und in der 12. Klasse sogar den ganze Geschichtsunterricht auf Deutsch gehabt. Wir sind auch auf Klassenfahrten nach Deutschland gefahren – zum Beispiel haben wir in der 11. Klasse kleine Arbeiten über naturwissenschaftliche Themen im Deutschen Museum in München geschrieben. Meinen Vortrag über die kosmische Hintergrundsstrahlung habe ich als Vorlage verwendet, um meinen Vortrag für eine der DSD-Prüfungen zu verwenden, die wir schon während der Schule machen konnten.

 

Ein Tag in der 12. Klasse hat Karl-Heinz, so hieß mein Deutschlehrer, mich gefragt, ob ich mir nach dem Gymnasium vorstellen konnte, in Deutschland zu studieren. „Ja“, habe ich geantwortet, „ein ERASMUS-Jahr möchte ich schon mitnehmen.“ Aber nein, das hat Karl-Heinz nicht gemeint. Nein, er wollte mich fragen, ob ich mich nicht für ein PASCH-Stipendium bei dem DAAD bewerben wollte, und mein ganzes Studium in Deutschland machen wollte.

Und ja, selbstverständlich wollte ich das. Die Chance, ein solches Abenteuer zu erleben, konnte ich nicht verpassen.

 

Der junge Mann auf dem Foto weiß seit etwa fünf Tagen, dass die Bewerbung erfolgreich war. Wenn er in Schweden geblieben wäre, würde er physikalische Ingenieurswissenschaften studieren. Etwas Ordentliches halt, einen Studiengang, für den es relativ klar ist, dass man eine Stelle ziemlich schnell findet, wenn man fertig ist. Da er jetzt die finanzielle Sicherheit des Stipendiums hinter sich hat, und ohne immer noch nach Schweden zurückkehren kann  und den „ordentlichen“ Studiengang verfolgen kann, hat er entschieden, „all in“ zu gehen - Er will Mathematik, ohne Lehramt, studieren, damit er später seine Träume erfüllen kann, einen Theorem für die Ewigkeit zu beweisen.


Da der DAAD die ganze Formalitäten, um das Einschreiben an der Uni, und das schwedische Abiturzeugnis ohne Probleme anerkannt wurde, war der Weg von Hvitfeldtska nach TU Berlin ziemlich angenehm. Es war immernoch relativ leicht eine Studentenwohnung zu bekommen, und die Integration an der deutschen Hochschule war ebenfalls ziemlich leicht. Klar, ein paar Schwierigkeiten mit der Bürokratie hat es gegeben, aber das hätte es ja in meinem Heimatland auch.

In der Vorlesung (Danke an das Goethe-Institut Schweden), © privat

Dass ich während des Gymnasiums mich in sowohl Mathe als auch Deutsch spezialisiert hatte, hat mir sehr geholfen – vieles von dem, was wir in den einführenden Kursen gemacht haben, konnte ich schon halbwegs. Mathematik ist außerdem ein ziemlich Nicht-Muttersprachler-freundliches Fach – Gleichungen sehen auf verschiedenen Sprachen genau gleich aus.

Auch die Integration in der deutschen Gesellschaft ist mir ziemlich leicht gefallen.Schweden und Deutschland ticken im Großen und Ganzen ziemlich ähnlich. Klar, es kann mir immer noch stören, dass man Sonntags nichts einkaufen kann. Und dass Langlauf im Fernsehen nicht ordentlich übertragen wird. Und dass keiner weiß, wer Hasse å Tage sind. Aber damit kann man schon leben.


Im Arbeitszimmer (danke an Ali Hashemi), © privat

Denn ich lebe immer noch damit. Nach dem abgeschlossenen Studium (das der DAAD fünf Jahre lang finanziert hat) habe ich beschlossen, an der TU Berlin zu bleiben, um zu promovieren. Ich werde hoffentlich noch in diesem Jahr meine Dissertation abgeben. Wohin ich danach ziehe, ist mir noch nicht klar – ich will aber weiterhin die akademische Laufbahn versuchen.

 

Wenn der junge Mann auf dem Foto mein heutiges Leben anschauen würde, wäre er wahrscheinlich ziemlich zufrieden gewesen. Ich lebe immer noch in Berlin, die coolste Stadt der Welt, ich lehre und forsche Mathe, und ich fahre ab und zu zu Konferenzen und halte Vorträge über meine eigenen Resultate. Ja, ich habe sogar den damaligen Traum erfüllt, eigene Theoreme zu beweisen. Die sind zwar noch keine, die die Welt verändern werden, aber das ist mir ziemlich egal. Dem letzten würde der junge Mann auf dem Foto vielleicht nicht zustimmen, denn er war wahnsinnig ehrgeizig, der Junge.  Fast 8 Jahre in dieser lockeren Stadt haben mich wohl lockerer gemacht.

 

Hätte ich mich dagegen entschieden, mich der deutschen Sektion an Hvitfeldtska gymnasiet anzuschließen, wäre mein Leben bestimmt auch ziemlich gut geworden. Ich würde an der Technischen Hochschule in Göteborg studieren, zwar nicht reine Mathematik, aber immer noch viel Mathe und Physik mitnehmen, und vielleicht sogar auch auf dem Weg sein, Doktor zu werden. Aber ich hätte vieles nicht gesehen und viele tolle Menschen, und vor allem das tolle Land Deutschland, nicht kennengelernt. Ins Ausland zu gehen hat mir neue Perspektiven gegeben, sowohl auf Schweden als auch auf Deutschland, auf Europa und den Rest der Welt. Es hat mich zu einem besseren Mensch gemacht.

 

 

An dieser Stelle möchte ich mich bei der PASCH -Initiative dafür bedanken, und ihr herzlich zu ihrem zehnjährigem Jubiläum gratulieren.  

„Ja må  hon leva, ja må hon leva, ja må hen leva uti hundrade år...” (Der Anfang des schwedischen Geburtstagsliedes, frei übersetzt „Sie lebe, sie lebe, sie lebe hundert Jahre...“)

 

Autor: Axel Flinth

Datum: Januar 2018