Franz Kafka - ein Stück Kulturgeschichte in Tschechien

Will man den Ort besuchen, an dem Franz Kafka lebte und schrieb, dann muss man nach Prag in Tschechien fahren. Aber wieso Prag? Kafka schrieb zwar seine bekanntesten Werke in deutscher Sprache und gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts – jedoch lebte er nicht in Deutschland und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in der tschechischen Hauptstadt.


Kafkas Anfänge

1883 wurde Franz Kafka in Prag geboren. Seine Familie war deutschsprachig und jüdisch. Somit gehörte er mit seiner Familie zu den 7% der deutschsprachigen Bevölkerung in Prag. Er besuchte auf Wunsch seines Vaters eine deutsche Schule in Prag. Anschließend begann er ein Jurastudium und arbeitete fast sein ganzes Leben bei einer Versicherung. Sein Interesse galt hingegen seit der Jugend der Literatur. Weltweit bekannt wurde er jedoch erst 20 Jahre nach seinem Tod.


Kafkas Vaterbeziehung

Kafkas Kindheit wurde von der schwierigen Beziehung zu seinem autoritären Vater geprägt. Kafka fühlte sich von ihm wenig unterstützt und eingeengt. Das konträre Verhältnis spiegelt sich auch in Kafkas berühmtesten Werken wider.

In „Das Urteil“ begeht die Hauptfigur, Georg Bendemann, Selbstmord nachdem sein herrischer* Vater dauerhaft sein Handeln kritisiert. Auch die Erzählung „Die Verwandlung“ handelt von einem mächtigen und ungerechten Vater. Dieser bewirft seinen Sohn Gregor, der sich in einen Käfer verwandelt hat, mit einem Apfel. Dabei wird Gregor tödlich verletzt.


Franz-Kafka-Denkmal in Prag

Kafkas Schreibstil

Kafkas Werke zeichnen sich durch seinen einzigartigen Stil aus. Dieser besteht aus absurden Verwicklungen, unklaren Strukturen und der Vermischung von Fantasie, Biografie und Wirklichkeit. Der Schreibstil wird häufig als rätselhaft, expressionistisch und surreal beschrieben. Ein regelmäßig wiederkehrendes Motiv stellt die Entfremdung** dar. Seine Protagonisten fühlen sich meistens fremd, hilflos und verzweifelt. Dadurch erzeugt Kafka eine bedrohliche und unheimliche Grundstimmung, die sich nahezu in allen seinen Werken widerspiegelt. Der Stil Kafkas wird als kafkaesk beschrieben. Das Adjektiv wurde sogar 1973 in den Duden aufgenommen. Er bezeichnet Kafkas Schreibstil, wird jedoch auch außerhalb der Literatur genutzt, um Situationen zu beschreiben, die von Angst, Entfremdung und Unsicherheit geprägt sind.


Kafka und die deutsche Sprache

Kafka sprach wie seine Eltern fließend Tschechisch und verbrachte fast sein ganzes Leben in Prag. Nur vor seinem Tod im Jahre 1924 lebte er einige Monate in Berlin. Ihm war die tschechische Sprache wichtig, jedoch bezeichnete er die deutsche Sprache als seine Muttersprache. Er wählte sie auch als seine Literatursprache und feierte seine größten Erfolge mit deutschen Werken.

Kafka war nicht der einzige berühmte deutschsprachige Schriftsteller, der außerhalb Deutschlands wirkte. Deutschsprachige Literatur in Prag existierte sogar bereits im 16. Jahrhundert und machte Prag schon damals zu einer multikulturellen und mehrsprachigen Stadt. Zur Prager deutschen Literatur zählen neben Kafka beispielsweise auch Rainer Maria Rilke, Gustav Meyrink, Egon Erwin Kisch und Max Brod.


Deutsch als Wissenschaftssprache

Deutsch spielte nicht nur in der Literatur eine große Rolle, sondern auch als Wissenschaftssprache. Die damalige Tschechoslowakei (Land zu Kafkas Zeiten) ist durch den Zerfall von Österreich-Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, weshalb es weiterhin eine große deutsche Minderheit in diesem Gebiet gab.

Andererseits ist die jiddische Sprache nah mit dem Deutschen verwandt, wodurch Deutsch als Wissenschaftssprache gebraucht wurde. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts galt Deutsch neben Englisch und Französisch als eine der wichtigsten Wissenschaftssprachen. Dies lag vor allem daran, dass viele neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfindungen im deutschsprachigen Raum entstanden sind.


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